Fallout 4

Das Leben könnte so schön sein. Hier in Sanctuary Hills, einem idyllischen Vorort von Boston, ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls auf den ersten Blick. Wir befinden uns im Jahr 2077. Die Welt hat sich nach dem ersten Atombombenabwurf geschworen diese todbringende Technologie nur noch für friedliche Zwecke einzusetzen. Atomar betriebene Autos, hochentwickelte Roboter sowie moderne Luft- und Raumfahrzeuge wurden entwickelt, um das Leben der Menschen auf jedwede Art zu verbessern. Da alle Energie in die technische Entwicklung gesteckt wurde, blieben andere kulturelle und gesellschaftliche Bereiche seit den 1950er-Jahren praktisch stehen. Doch dort wo Licht ist, ist auch immer Schatten. Durch Rohstoffknappheit und Verschwendung steht die Welt kurz vor dem Abgrund des totalen Krieges. Der große Knall ist unvermeidlich.

Wer bin ich?

Anders als in den Vorgängerteilen beginnt in Fallout 4 unsere Reise nicht in völlig zerstörten Städten, sondern in unserem Badezimmer. Vor dem Spiegel entscheiden wir uns zuerst für unser Geschlecht, modellieren unser äußeres Erscheinungsbild und starten in den Tag. Wir betreten das sonnengeflutete Wohnzimmer und lauschen ein wenig dem Nachrichtensprecher im Fernseher. Während unsere Frau das Frühstück vorbereitet, spielen wir mit unseren Sohn als es plötzlich an der Haustür klingelt. Ein netter Herr von Vault Tec möchte noch schnell ein paar Formalitäten mit uns klären, da wir und unsere Familien einen begehrten Platz in einem unterirdischen Atombunker ergattert haben. Man weiß ja nie, wann die Bomben fallen.

Krieg bleibt immer gleich

Und die Bomben fallen schnell. Zu schnell. Kaum hat der nette Vertreter uns verlassen, wird die Stimme des Nachrichtensprechers im Fernsehen lauter. Der Tag der Apokalypse ist heute. Aus unserem Fenster sehen wir aufgebrachte Menschen, die gen Himmel schauen. Militärhubschrauber kreisen über unsere Nachbarschaft. Von einer Sekunde auf die andere sind die Straßen mit Soldaten gesäumt, die uns hysterisch über Lautsprecher zur sofortigen Evakuierung auffordern. Ob es nun Glück oder Schicksal ist, dass der nächste Vault nur ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt ist, interessiert uns in diesem Moment nicht wirklich. Während wir die sichere Bunkeranlage erreichen, sehen wir schon die ersten Atompilze am Horizont. Wir haben es geschafft – vorerst. Brav gehorchen wir dem Sicherheitspersonal in Vault 111 und betreten eine Kryokammer, die uns in einen künstlichen Kälteschlaf versetzen wird. Wann wir wieder aufwachen, wissen wir nicht. Als wir dann aus unserem Schlaf aufwachen, müssen wir mit Erschrecken feststellen, dass sich jemand an der Kapsel unserer Frau zu schaffen macht und versucht diese zu öffnen. Starr vor Panik müssen wir mit ansehen, wie sie erschossen und ihr unser Kind aus ihren toten Armen gerissen wird.

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird

Getrieben von der Suche nach unserem Sohn und der damit verbundenen Rache an den Mördern, verlassen wir den Bunker und machen uns auf den Weg in unser altes Zuhause. Dort erfahren wir, dass wir knapp zweihundert Jahre im Kälteschlaf verbracht haben und die Welt, wie wir sie kannten, schon lange nicht mehr existiert. Die großen Bomben sind gefallen und haben die Welt in ein verstrahltes Ödland verwandelt. Die meisten gesellschaftlichen Strukturen sind zerstört und es herrschen Chaos und Anarchie. Bevor wir uns mit dieser schrecklichen Konfrontation arrangieren wollen, ist unser primäres Ziel erst mal mehr Informationen über das Verschwinden unseres Sohnes zu erhalten. Nach und nach erfahren wir, dass eine Organisation, namens das Institut, hinter der Entführung stecken muss. Keiner weiß genau, wer oder was dieses Institut genau ist. Man weiß nur, dass sie hinter unzähligen Entführungen stecken und sogar Menschen durch Synths als Doppelgänger ersetzen. Diese Synths sind Roboter, die rein äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden sind.

Überall gibt es etwas zu erleben

Eine komplexe und mitreissende Story ist in Fallout 4 jedoch nicht wirklich vorhandenen. Diese wird eher zur Nebensache. Das eigentliche Juwel ist die großartige, offene Spielwelt mit den schier endlosen Nebenaufgaben. Obwohl diese riesige Spielwelt grafisch noch nicht einmal besonders umwerfend ist, ist es die Stimmung des Spiels, die einen sofort mitreisst. Mit sehr viel Liebe zum Detail wurde eine Landschaft mit zerstörten Wolkenkratzern, kleinen Vororten, historischen Bauwerken, Hafen- und Fabrikanlagen, Armeestützpunkten und Seenanlagen erschaffen, die zum Erkunden einlädt. Die Gesamtgröße der Karte entspricht gefühlt der Größe aus Fallout 3. Jedoch gibt es subjektiv gemessen, mehr zu erleben, da die einzelnen Schauplätze engmaschiger miteinander verknüpft sind. Wer durch das Ödland stapft, wird somit an jeder Ecke etwas entdecken. Und genau diese Ecken mit ihren kleinen Geschichten, die nicht erzählt werden, sind bei weitem interessanter als die Hauptstory. Was hat es mit Vault 81 auf sich? Wer lebt hier? Was will ein Ghul mit einem Spielzeugpferd? Warum wird eine Fischfabrik mit Hightech-Fallen gesichert? Was verbirgt sich in der Asservatenkammer des Bostoner Polizeirevier? Diese und weitere Fragen machen den Charme von Fallout 4 aus. Das Spiel lebt von seinen witzigen und skurrilen Nebenaufgaben. Weiterhin laden viele Areale uns zu einem späteren Besuch ein. Safes, Terminals und Schlösser, die wir zu Beginn noch nicht knacken können, warten im späteren Verlauf darauf von uns geplündert zu werden.

Ein-Mann-/Frau-Armee

Alte Fallout-Veteranen werden sich zum Start ins Geschehen von Fallout 4 etwas unterfordert fühlen. Die ersten Gegnerhorden, die sich uns in den Weg stellen, haben überhaupt keine Chance gegen uns. Als wir dann nach einer guten Stunde Spielzeit in einer Powerrüstung stecken und mit der Minigun eine Todeskralle niederstrecken, fragen wir uns ernsthaft, was uns eigentlich auf unserer Reise durch das Ödland passieren soll. War die Powerrüstung in anderen Fallout-Teilen das Nonplusultra und äußerst selten, haben wir im Laufe des Spiels gleich mehrere Modelle gefunden. Doch die Euphorie hält nicht lange. Powerrüstungen werden mit Fusionskernen betrieben, die entweder für sehr viel Kronkorken (die Währung in Fallout) bei Händlern erstanden oder in alten Maschinen gefunden werden können. Anders als normale Rüstungen, können Powerrüstungen Schaden nehmen und müssen repariert werden. So nützt uns nach erfolgreichem Kampf gegen die Todeskralle die tolle Rüstung nicht mehr allzu viel, da der Kern verbraucht und die einzelne Rüstungskomponenten im Eimer sind. Schneller als uns lieb ist, stehen wir wieder ohne sie da.

Bauen, bauen und nochmals bauen

Die ersten Stunden in Fallout 4 fühlen sich eher wie ein verstecktes Tutorial an, in dem uns das Spiel die wichtigsten Neuerungen zeigt. So erfahren wir recht schnell, dass Waffen und Rüstungen nicht mehr kaputt gehen können und somit auch nicht repariert werden müssen. Dafür haben wir nun die Möglichkeit diese an speziellen Werkbänken zu modifizieren. Rüstungsteile können mit weiteren Taschen versehen werden, was unsere Tragfähigkeit erhöht oder wir verkleiden sie zum besseren Strahlungsschutz mit Blei. Für unsere Waffen gibt es allerlei Modifikationen, die unter anderem den Schaden oder die Treffsicherheit verbessern. Doch für alle diese Verbesserungen benötigen wir spezielles Material. Wer jedoch schon einmal Fallout oder Skyrim gespielt hat weiß, dass Platzmangel das größte Problem des Helden ist. Wohin mit dem ganzen Zeug?

Eine weitere Neuerung in Fallout 4, die uns mittels einer Mission erklärt wird, ist das sogenannte Housing-System. Hiermit bauen wir neue Häuser, versorgen sie mit Energie und rüsten sie mit Selbstschussanlagen aus, um sie gegen Feinde zu beschützen. So erschaffen wir nach und nach unsere eigene kleine Siedlung, die immer mehr Bewohnern Schutz bietet. Das Bausystem ist eine nette Neuerung im Spiel, deren Handhabung aber leider sehr gewöhnungsbedürftig und zum Teil recht hakelig ist. Zum einen muss immer eine Werkbank mit den passenden Ressourcen in der Nähe sein, zum anderen ist die Steuerung nicht immer selbsterklärend.

Von Raidern, Supermutanten und Todeskrallen

Gegenüber dem Vorgänger wurde das Kampfsystem ziemlich aufgebohrt. Fallout 4 spielt sich nun fast wie ein Ego-Shooter. Bei Gegnerkontakt halten wir einfach in Echtzeit mit der Waffe drauf oder wir aktivieren das VATS-System. Das Vault-Tec-Assiset-Targeting-System friert das Kampfgetümmel in eine Art Ultra-Zeitlupe, in der wir einzelne Körperteile unserer Gegner anvisieren können. Die Geschwindigkeit der Zeitlupe hängt vom jeweiligen Gegentyp ab. Bei langsamen Gegner haben wir gefühlt alle Zeit der Welt durch die einzelnen Gliedmaßen zu switchen. Bei schnellen Gegner kann das VATS schnell in Hektik ausarten und dementsprechend fix müssen wir uns für eine passende Stelle entscheiden. Ein Prozentwert an den einzelnen Gliedmaßen zeigt an, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Treffer liegt. Bewegen sich die Gegner während wir uns im VATS befinden, ändert sich auch die Trefferwahrscheinlich je nach dem ob diese sich zum Beispiel in Deckung bringen oder ihren Kopf bewegen. Diese Kombination zwischen Echtzeit-Kämpfen und VATS bietet eine ganz neue Art des Kampfes in Fallout 4.

Mehr Spaß zu zweit

Natürlich müssen wir auch nicht alleine gegen die mutierten Gegenhorden des Ödlands ins Gefecht ziehen. Bis zu zwölf Begleiter stehen uns im Laufe des Spiels unterstützend zur Seite. Der treue Schäferhund Dogmeat, die schlagkräftige Journalistin Piper, ein Sanitätsroboter, der endlich mal die Oberwelt studieren möchte oder der Android Nick Valentine, der sein Geld als Detektiv verdient, sind nur einige der Begleiter, die wir rekrutieren können. Unsere Begleiter sind aber nicht nur nettes Beiwerk. Wir können ihnen Befehle erteilen, sie auf Gegner hetzten oder sie nehmen uns etwas von unserer Last ab. Jedoch gehen sie uns mitunter auch einfach nur auf die Nerven, wenn sie mal wieder im Weg stehen oder einfach minutenlang verschwinden. Mit der Zeit baut sich eine immer festere Bindung zwischen dem Hauptcharakter und seinem Begleiter auf. Sie geben mehr von ihrem Leben preis und kommentieren unsere Handlungen mit Sympathie oder Missgunst. Mitunter kann sogar eine romantische Beziehung entstehen.

Wer sich trotz Begleiter immer noch alleine fühlt, kann sich einer von mehreren Fraktionen in Fallout 4 anschliessen, die ihre unterschiedlichen Ziele verfolgen und untereinander nicht immer wohlgesinnt sind. Recht früh lernen wir die Minutemen kennen. Eine Bürgermiliz, die versucht alle Siedler des Ödlands zu beschützen, in dem sie Versorgungsrouten und Verteidigungslinien aufbaut. Die Stählerne Bruderschaft entstammt zum Großteil dem US-Militär und ist dementsprechend militärisch strukturiert. Ihre Mitglieder ziehen mit Powerrüstungen und hochtechnisierten Maschinen durchs Land auf der Jagd nach Supermutanten, Ghule und Synths. Sie sind stets auf der Suche nach technischem Fortschritt und halten sich für die überlegende Gruppe des Ödlands. Die Fraktion Railroad setzt sich für die Rechte von Synths ein und agiert daher im Untergrund, da sie durch ihr Ziel mit der Stählernen Bruderschaft und dem Institut verfeindet ist.

Smartwatch 2.0 und viele kleine Wackelpuppen

Unser wichtigstes Utensil um im Ödland zu überleben ist der Pop-Boy – eine Art überdimensionierte Smartwatch mit Monochrom-Display. Mit dem Pip-Boy überprüfen wir unseren Gesundheitsstatus, rufen die Karte auf, überprüfen Missionsdetails, durchstöbern das Inventar und verteilen Skill-Punkte auf unsere Fähigkeiten. Bethesda hat in Fallout 4 das alte Fertigkeiten-System komplett umgekrempelt. Der komplette Spielerfortschritt läuft über das neue S.P.E.C.I.A.L.-System. S.P.E.C.I.A.L. steht für Strength, Perception, Endurance, Charisma, Intelligence, Agility und Luck. Jedem dieser sieben Grundwerte sind jeweils zehn Perks zugeordnet, in denen wiederum die Werte der Grundfähigkeiten mit enthalten sind. Wer zum Beispiel wie ein Ninja seine Schleichfertigkeiten verbessern möchte und als unsichtbarer Schattenkrieger durch das Ödland streifen möchte, benötigt zuerst sieben Punkte in Agility. Um unaufhaltsam mit der Powerrüstung durch Gegnerhorden zu preschen, werden zehn Punkte in Stärke benötigt. Doch damit nicht genug. Jeder einzelne Perk besteht aus fünf Punkte, die weitere Boni der einzelnen Fähigkeit mit sich bringen. Gibt uns die erste Stufe des Perks Revolverheld einen erhöhten Schaden mit Pistolen, erhalten wir auf den höheren Stufen weitere Boni wie eine erhöhte Reichweite oder eine bessere Trefferwahrscheinlichkeit im VATS. Um es nicht vollkommen zu verkomplizieren werden die einzelnen Perks über eine Art Poster mit animierten Wackelpuppen visualisiert.

Zusätzlich zu all den verfügbaren Fertigkeiten, liegen überall im Ödland verstreut Comics herum, die uns weitere spezielle Perks bescheren. Mit dem Comic Teslas Forschung in der Tasche verursachen Energiewaffen dauerhaft +5% mehr kritischen Schaden und mit dem Magazin Hot Rodder schalten wir eine spezielle Lackierung für unsere Powerrüstung frei.

Wo Licht ist, da ist auch Schatten

Leider bleibt Fallout 4 auch nicht von Bugs verschont. Und hier gibt es einige. Diese schmälern zwar nicht den Spielspaß, sind aber äußerst nervig. Von unschönen Clipping-Fehlern über hölzerne Dialogpartner bis hin zu groben KI-Aussetzern hat Fallout 4 einiges zu bieten. Da stecken schon mal Raider-Kampfhunde mit dem Kopf in der Wand oder unser Begleiter macht einen Dauerlauf auf einer Treppe. Obwohl die deutsche Synchronisation wirklich gut gelungen ist und die Stimmen zu ihren virtuellen Alter-Egos passen, bleiben Dialoge manchmal sekundenlang hängen oder die Charaktere bewegen ihre Lippen entweder völlig falsch oder auch mal gar nicht. Auch grafisch sieht Fallout 4 nicht unbedingt spektakulär aus. Hier musste man einfach einen Kompromiss zwischen Open-World oder Grafikpracht eingehen. Einige Texturen wirken unfertig und detailarm. Aber immerhin läuft Fallout 4 in 1080p mit 30 Bildern pro Sekunde recht ruckelfrei auf den aktuellen Konsolen. Beim Spielen in der 3rd-Person Perspektive haben wir deutlich mehr Ruckler als in der Ego-Sicht gespürt. Dafür entschädigen uns aber tolle Lichteffekte und schicke Wettereffekte. Wenn Regentropfen auf dem Visier der Powerrüstung abperlen oder ein Strahlungsgewitter den Himmel in Giftgrün taucht, sieht man gerne über ein paar Grafikbugs hinweg. Und erstmals kommen wir als Hauptcharakter zu Wort. Man hat uns eine Stimme spendiert, die wir in vielen Dialogoptionen auch mal sarkastisch oder drohend einsetzen können.

Fazit

Mit Fallout 4 ist Bethesda ein weiterer Meilenstein der Videospielgeschichte gelungen. Der Hype der letzten Monate ist vollkommen gerechtfertigt. Obwohl der Start recht einfach gehalten wurde und wir uns zuerst gefühlt haben als habe man den God-Mode eingeschaltet, entfaltet das Spiel nach einigen Stunden sein komplettes Potential. Die Missionen werden abwechslungsreicher und die Gegner härter. Immer skurrilere Charaktere kreuzen unseren Weg und verlangen immer verrücktere Aufgaben von uns. In Fallout 4 gibt es so viel zu sehen und erleben. Abseits des Pfades der Hauptstory befinden sich zahlreiche Nebenquests, die es zu bestreiten gibt. Lediglich das Modifizieren der Waffen und Rüstungen wirkt recht unübersichtlich. Vom Housing-System wollen wir erst gar nicht weiter reden. Es ist eine nette Neuerung, die uns aber nicht wirklich weiterbringt und vom Hocker haut. Wer in den nächsten Monaten nichts wichtigeres zu tun hat, kann bedenkenlos zugreifen. Doch eine Warnung müssen wir Euch noch mit auf den Weg geben – Fallout 4 macht enorm süchtig. Immer und überall gibt es Neues zu entdecken.