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Uncharted – The Lost Legacy im Test

In Uncharted 4 haben wir das Ende eines Helden miterlebt, den wir fast eine ganze Dekade bei seinen gefährlichen Schatzsuchen begleitet haben. Nathan Drake hat sich zur Ruhe gesetzt und strebt ein „normales“ Leben mit seiner Frau und Tochter an. Viele Fans fragten sich, wie es denn nun mit Uncharted weitergeht. Wird seine Tochter in seine Fußstapfen treten? Kann es überhaupt ein Uncharted ohne Nathan Drake geben? Uncharted – The Lost Legacy zeigt uns, dass es definitiv geht. Im der ersten Standalone-Erweiterung heuert die Schatzjägerin Chloe Fraser, bekannt aus Among Thieves und Drake’s Deception, die Söldnerin Nadine Ross, aus A Thief’s End an, um ein uraltes indisches Artefakt zu bergen.

The Lost Legacy ist ein Mix aus Erweiterung und echter Fortsetzung, welches knapp sechs Monate nach Uncharted 4 spielt. Chloe Frazer reist in ihr Geburtsland Indien, um den Mythos des verschwundenen Stoßzahns der Gottheit Ganesha zu lüften. Irgendwo in einer  malerischen Kulisse, tief im indischen Dschungel, soll das sagenumwobenen Relikt liegen. Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf ist einer der bekanntesten und populärsten Götter des Hinduismus. Bei jedem hinduistischen Ritual wird er als erstes gerufen und um Beistand gebeten. Als Überwinder der Hindernisse gehört er zum Hausalter jeder hinduistischen Familie. Zu der Frage, warum Ganesha nur einen Stosszahn hat, ranken sich viele, unterschiedliche Mythen. Im Laufe des Spiels erfahren wir, warum dieser Fund so wichtig für Chloe ist.

Ein Kriegshetzer ohne eigenen Krieg

Wer sich im Uncharted-Universum auskennt weiß, dass sich das vorerst ungleiche Duo nicht auf eine stressfreie Schatzsuche begibt. Solche Artefakte wecken natürlich Begehrlichkeiten. Nicht nur Chloe und Nadine machen sich auf die Suche, sondern auch der skrupellose Despot Asav, der sich als Kriegshetzer mit seiner Privatarmee in West-Ghat breitgemacht hat. Hier kommt Nadine ins Spiel, da sie Asav aus ihrer Zeit als Kopf von Shoreline bestens kennt und schon seit einiger Zeit hinter ihm her ist, um seine Machenschaften zu zerschlagen.

Die beiden Damen müssen sich keineswegs hinter Nathan Drake verstecken, jedoch müsst Ihr Euch spielerisch ein wenig umstellen. Anders als Haudegen Nathan, kann Chloe nicht so gut klettern oder kämpfen. Hierfür verfügt sie aber über bessere Reflexe und Schleichpotential. Auch, wenn sie vielleicht nicht dieselben Fähigkeiten wie Nathan besitzt, hat sie definitiv ein Aas im Ärmel – Nadine Ross. Nach den Ereignissen von Uncharted 4 steht Shoreline unter neuer Führung und Nadine verdient ihren Lebensunterhalt mit Söldnertätigketen. Anfangs ist Chloe jedoch nicht von ihrer neuen Partnerin angetan. Die Beiden vertrauen sich nicht wirklich und jeder will seinen Dickkopf durchsetzen, was sie durch witzige und spitze Unterhaltungen während der Spiels immer wieder bekräftigen. Die Entwickler haben sich auf jeden Fall viele Gedanken über die Entwicklung der beiden Hauptdarstellerinnen gemacht und zeigen sie nicht nur als „die-Frauen-die-in-irgendeinem-Uncharted-Teil-mitgespielt-haben“. Nach und nach erfahren wir immer mehr über ihre persönlichen Hintergrundgeschichten.

Freiheiten und Déjà-vus

Unser eigentliches Abenteuer ist diesmal auf ein Land begrenzt. Die komplette Geschichte spielt in Indien oder besser gesagt in einem grünen Talkessel mit Wasserfällen, alten Ruinen und Gebirgszügen. Irgendwo in dieser fantastisch inszenierten Kulisse befindend sich der heilige Stoßzahn. In gewohnter Uncharted-Manier erkunden wir das weite Tal mittels Jeep, absolvieren waghalsige Kletterpartien und bekämpfen Asavs Privatarmee, die irgendwie immer da ist, wo wir gerade sind. Obwohl unser Abenteuer auf ein Areal begrenzt ist, lassen uns die Entwickler doch einen gewissen spielerischen Freiraum. Um in die Nähe des heiligen Artefakts zum gelangen, müssen wir bestimmte Zielorte abklappern und drei göttliche Symbole finden. In welcher Reihenfolge wir das erledigen, oder ob wir erstmal lieber mit dem Jeep die Gegend auskundschaften, bleibt uns überlassen.

Sicherlich hat Naughty Dog mit The Lost Legacy das Rad nicht neu erfunden. Viele Elemente erinnern uns an den letzten Teil. So flanieren wir bereits zu Beginn über einen liebevoll detaillierten Marktplatz oder absolvieren eine wilde Verfolgungsjagd über Häuserdächern. Auch, wenn The Lost Legacy viele Punkte aufwärmt, fühlt es sich doch anders an. Haben wir in Uncharted 4 gefühlt einen Kampf nach dem anderen absolviert, setzt die Erweiterung mehr auf Rätselpassagen und bietet eine angenehme Dosierung zwischen Kämpfen, Schleich- und Rätselpassagen. Auch an der Spielmechanik hat sich weitgehend nichts geändert. Eine Neuerung ist das Knacken von Schlössern. Dabei drehen wir die Analog-Sticks des Controllers soweit im Kreis bis wir mittels der Vibrationsfunktion ein Feedback erhalten. Chloe nutzt diese Fähigkeit für das Öffnen von Türen oder Kisten, die bestimmte Waffen oder Ausrüstungsteile bereitstellen.

Wie immer eine bombastische PIxelexplosion

Grafisch präsentiert The Lost Legacy, wie schon Unchrated 4, eine bombastische Pixelexplosion. Wer genau hinschaut entdeckt viele liebevolle Details in der einfach atemberaubenden Kulisse. Besonders die Mimik und Gestik der Charaktere ist ganz großes Kino. In Sachen Vertonung muss sich die deutsche Synchronisation nicht vor dem englischen Original verstecken. Die Stimmen passen perfekt und die Dialoge werden nicht nur platt dahingesprochen.

Fazit

Funktioniert ein Uncharted ohne Nathan Drake oder fühlt es sich an, wie Knight Rider ohne Hasselhoff? Ja, es geht! Und das sogar sehr gut. Wer sich auf die abenteuerliche Reise mit Chloe und Nadine einlässt, erhält in knapp 10 Stundenspielzeit eine perfekt inszenierte Story mit dichter Atmosphäre und einem vorerst ungleichem Paar, das immer besser als Einheit fungiert. Für Fans der Uncharted-Reihe gibt es kein Argument The Lost Legacy nicht zu kaufen. Fans von Abenteuerspielen müssen vielleicht ein paar Sekunden innehalten, können dann aber uneingeschränkt zugreifen.

Dieses Review erschien auch auf Polyradar.de